szmmctag

  • Die CDU zieht blank!

    Die CDU hat sich zu einem Wechsel ihrer Wahlkampfstrategie entschlossen. Damit droht der Wahlkampf doch noch interessant zu werden.

    Die nach dem TV-Duell lauter gewordenen Vorwürfe, Merkel verheimliche, was die CDU nach dem 27.09. vorhat, zeigen jetzt Wirkung: Die Kanzlerin präzisierte mit ihrer Führungsmannschaft flugs ihre Botschaften an das Wahlvolk! Die tagesschau scheute keine Mühen und konnte einen CDU-Mitarbeiter beim Kleben eines solchen Plakates filmen (man achte bei ca. 00:24 min auf den kompletten CDU-Slogan).

     

    http://www.youtube.com/watch?v=mJv6DbOj0GU

  • Ich habe AIDS...

    ... nicht vergessen! So lautete der Kampagnen-Slogan des Regenbogen e.V. Saarbrücken aus dem Jahr 2008. Prominente stellten ihr Konterfei zur Verfügung und gestanden in irritierender Weise "Ich habe AIDS". Erst nach einer kurzen Pause wurde der Satz mit den Worten "nicht vergessen" beendet. Gut durchdacht sowie gemacht, aufrüttelnd und vor allem: aufmerksamkeitsstark.

    Aber darf eine Kampagne um jeden Preis aufmerksamkeitsstark sein?

    Der Regenbogen e.V. hat vor Kurzem seine 2009er Kampagne gelauncht (kreiert unter Mithilfe von das comitee aus Hamburg). Slogan: AIDS ist ein Massenmörder. Warum ich die Kampagne zum Thema auf kommunikat.blog.de mache, erklärt sich anhand der Motive:

    Hitler, Hussein und Stalin kopulieren aufs heftigste mit jungen Frauen und schauen dem Betrachter dabei aufreizend ins Gesicht. Neben den Plakatmotiven wurde auch ein Videospot gefertigt. Ein Radiospot kann sich hier angehört werden:

    Gezielte Regelverletzungen und Grenzüberschreitungen werden in der Gesellschafts- und Unternehmenskommunikation gern genutzt, um Aufmerksamkeit zu erreichen. Eine Vorgehensweise, die der Kunst entlehnt ist. Wer interessieren will, muss provozieren, wusste schon Dali.

    Meiner Meinung nach ist die jetzt vorgestellte Kampagne aber nicht nur geschmacklos, sondern auch unehrlich und diskriminierend. Ich möchte mich nicht mit der Frage beschäftigen, ob die Kampagne (so nebenbei) Opfer der NS-Zeit, des Stalin-Regimes oder der Herrschaft von Hussein verhöhnt. Ein Aufrechnen der im Dritten Reich Getöteten mit den weltweit an AIDS Gestorbenen bringt nichts - Leid ist immer individuell.

    Mich stört die implizierte Darstellung HIV-positiver Menschen als Massenmörder. Mich stört, dass kein Verweis auf Möglichkeiten des Schutzes vor einer Infektion erfolgt. Mich stört, dass ausschließlich die Emotion Angst angesprochen wird. Mich stört, dass die Gefahr von steigenden Ressentiments gegenüber Menschen mit HIV nicht beachtet wurde - sollten nach Meinung der Kampagnenverantwortlichen HIV-positive und an AIDS erkrankte Menschen wie Massenmörder weggesperrt werden?

    Es gibt Argumente, die für eine solche Schock-Strategie sprechen könnten. Rezipienten werden heutzutage von zahllosen Botschaften medial überflutet und um in diesem riesigen Meer an Reizen überhaupt zu ihnen durchzudringen, braucht es entsprechend starke Stimuli. Aber wenn durch einen solchen Stimulus die Kampagnenbotschaft diskreditiert wird, kann auch das eigentlich verfolgte Ziel nicht mehr erreicht werden.

    Ohne eine HIV-Infektion in irgendeiner Weise verharmlosen zu wollen: In Deutschland ist HIV und AIDS zum Glück nicht mehr zwangsläufig ein Massenmörder. Dies ist wahrlich kein Grund, nicht trotzdem großen Respekt vor dieser schweren Krankheit zu haben. Die möglichen Nebenwirkungen einer medikamentösen Therapie (lebenslang Schmerzen, Übelkeit, Kotzen etc.) und die psychischen Belastungen (Diskriminierung und Ausgrenzung, erschwerte Partnerschaftssuche, Einsamkeit etc.) sind wahrlich kein Zuckerschlecken. In den sogenannten Zweite- und Dritte-Welt-Ländern ist AIDS auch heute noch ein Massenmörder. Diese Kampagne richtet sich aber augenscheinlich an ein deutsches Publikum und müsste daher spezifisch auf Neuinfektionen eingehen. Beispielsweise könnten die zahlreichen Neuinfektionen, die gerade unter Alkohol und anderen Drogen geschehen, thematisch aufgegriffen werden. Das wäre dann vielleicht auch näher an der Lebenswelt der Zielgruppe.

    Dass die Kampagne gerade von einem Verein initiiert wird, der mit HIV-positiven Menschen arbeitet und Aufklärung auf seine Fahnen geschrieben hat, macht deutlich, wie verzweifelt angesichts wieder steigender Infektionszahlen nach funktionierenden Kommunikationsstrategien zur AIDS-Prävention gesucht wird. Die negativen Konnotationen der Kampagne hätten aber von der Kommunikationsagentur vorher erkannt werden müssen.

     

  • Die zwei Seiten des Reichtums

    Wegen einer roten Ampel verstehe ich endlich, wie DIE LINKE ihre Wahlversprechen finanzieren will. Und ich weiß jetzt, was eine konsistente Kommunikation ist.

    Vorgestern war ich in Berlin mit dem Auto unterwegs. Eine an sich eher unerquickliche Beschäftigung. Wie in vielen Großstädten so üblich, wissen die meisten Ampeln nicht, was die andere gerade tut - auf grünen Wellen surft man deshalb eher selten. Da im Moment Wahlkampf ist, sind mehr oder weniger alle verkehrsnahen Masten, Pfähle, Pfeiler, Stangen und Bäume mit den krisenlösenden Botschaften der Parteien ausgestattet. Und so nutze ich rote Pausen, um mir die Wahlplakate anzuschauen.

    So war es auch vorgestern. Ich erblickte beim Warten auf Grün an einem Pfeiler zwei untereinander angebrachte Wahlplakate der LINKEN. Da ich in dem Moment kein Foto machen konnte, habe ich mir die beiden Plakatmotive auf der Web-Site der LINKEN heruntergeladen.

    Dies war das obere Plakat:

     

     

     

     

     

     

     

    Und das hing direkt darunter:

     

     

     

     

     

     

     

     

    Da sag noch mal einer, das DIE LINKE nicht clever ist. Wobei, so ganz klar ist mir nun nicht geworden:
    Ist Reichtum bei den LINKEN nun was gutes oder schlechtes?

  • Qual zur Wahl

    Meine Benachrichtigung ist da! Und da ich mal für das Recht ES tun zu dürfen auf die Straße gegangen bin, muss ich mich bis  zum 07. Juni entschieden haben. Eigewntlich hab ich mich auch schon entschieden, aber kann man sich sicher genug sein?

    Wem es ähnlich geht, dem sei der Wahl-O-Mat der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) ans Herz gelegt. Auch wenn man es bei dem Namen dieser Institution vermuten mag: Es kommt kein erhobener Zeigefinger.

    Wie funktionierts? 38 Thesen kann man mit "stimme zu", "stimme nicht zu" oder "neutral" per Klick beantworten (für Warmduscher gibt es auch "überspringen"). Die Thesen sind kurz und knackig formuliert. Hat man alle beantwortet, können einzelne - also die, die einem besonders wichtig sind - stärker gewichtet werden. Zuletzt wählt man per Klick 8 Parteien aus, mit denen man seine eigenen Antworten vergleichen möchte (im Vorfeld haben sich 29 politischen Parteien zu den Thesen positioniert).

    Ich werde mein Wahl-O-Mat-Ergebnis hier nicht verkünden. Ich würde mein Wahlverhalten auch nicht von diesem Ergebnis abhängig machen. Aber eine Orientierung ist es allemal.

    Um dem Ganzen noch etwas mehr Bedeutung zu verleihen möchte ich an dieser Stelle ein meiner Meinung nach treffendes Zitat von Thomas Jefferson anführen: "Schlechte Kandidaten werden gewählt von guten Bürgern, die nicht zur Wahl gehen".

    Also hier geht es direkt zum Wahl-O-Mat für die Europawahl 2009!

    Achja:

  • Merkel und Steinmeier halbnackt!

    Bruno Banani - bekannt als Schlüpferhersteller aus dem Freistaat Sachsen - macht Werbung. Seit einigen Tagen findet man im Web, aber auch auf Plakaten, namhafte Politikerinnen und Politiker - abgebildet in Reizwäsche. Die Idee dazu hatte die Agentur Brandplatform. Dem ersten Impuls "Schnell, guck weg!" muss man nicht unbedingt nachgeben - durch die zeichnerische Darstellung gewinnen die Damen und Herren ungemein. Übrigens ein Schelm, wer Böses dabei denkt: Auf der Bruno-Banani-Website wird zu dem Plakat geworben "Bruno Banani Abwrackprämie: Jetzt 500 Cent pro Teil sparen."

     

    Original von Bruno Banani

    Aber zurück zum Motiv. Schaut man sich das Original von Bruno Banani an, meint man festzustellen, dass sich die Anzeigenmacher bei der Wahl der Schlüpferfarbe (merkt man, dass ich das Wort Schlüpfer mag?) an die Parteienfarben hielten. Auf den zweiten Blick merkt man dann aber, dass dem nicht so ist. Unsere Kanzlerin, wie auch Familienministerin von der Leyen, bräuchten ein schickes Schwarz. Der aktuelle Vize Frank-Walter müsste in rote Shorts schlüpfen und Herr Gysi in ein schickes lila Teil. Also hab ich die Damen und Herren mal in die Umkleide geschickt.

    Adaptierte Version


    <individuelle Meinung EIN>

    Für meinen Geschmack wird nach dem Umziehen deutlich, warum die Kreativen nicht in jedem Fall die parteipolitisch korrekte Unterwäschen-Coloration wählten. Gehen Merkel und von der Leyen im Original einfach als moderne Frauen durch, wirken sie in Schwarz deutlich sexyer. Bei Steinmeier ist es genauso, nur das ergänzend fast etwas machohaftes zu erkennen ist. Und Herr Gysis Wäschetausch lässt eventuell unbewusst Fragen nach seinen sexuellen Präferenzen auftauchen.
    </ individuelle Meinung AUS>

    Unter dem Aspekt find ich das Motiv durchaus interessant.

    Ein Aufreger ist es meiner Meinung nach nicht - schließlich kann sich keine abgebildete Person über sein Abbild beschweren! PS: Wer sich das Formular für die Schlüpfer-Abwrackprämie herunterladen möchte, kann es hier tun. Der Aktionszeitraum ist allerdings beschränkt. "Neue Wäsche braucht das Land!"

    Quellen: Bruno Banani - Brandplatform

  • Schweine - Image

    Miss Piggy hat ein Problem. Ein ziemlich großes sogar. Die Zeiten, in denen sich eine Deneuve mit ihr für das ELLE-Cover ablichten lassen würde, dürften endgültig vorbei sein. Miss Piggys Image ist unter aller Sau (den konnte ich mir jetzt nicht klemmen). Und wer ist Schuld daran? Wir! Jaja, wir alle sprechen seit Tagen nur noch von der Schweinegrippe. Manche sogar von der Schweinepest, obwohl das eine völlig andere Krankheit ist.

    Nun möchte ich mich nicht dem Verdacht aussetzen, Klatsch-Reporter zu sein und mich nur mit den schönen und reichen Schweinen in der ELLE zu beschäftigen. Es gibt - neben Miss Piggy - auch noch eine andere Seite der Schweinegesellschaft. Die Verlierer, die Gemästeten, die nur darauf warten, zur Schlachtbank geführt zu werden. Auch deren Renomee hat stark gelitten.

    Ein Beispiel: Die Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands e.V. (ISN) war am 29.04. zu Frau Bundesagrarministerin Ilse Aigner eingeladen. Wenig später beklagt sich die Interessengemeinschaft auf ihrer Web-Site schweine.net "ISN bei Ministerin Aigners Rundem Tisch - kaum Schweinefleisch aufgetischt".

    Mittlerweile geht es sogar so weit, dass Schweine länger auf ihre Schlachtung warten müssen. Die EU-Gesundheitskommissarin Vassiliou treibt die Angst um, dass EU-Bürger zukünftig zu wenig gesundheitsförderndes Schweinefleisch genießen könnten. Um die Schweinezüchter zu unterstützen, schlägt sie vor, die Grippe ab sofort "Neue Grippe" zu nennen. Eigentlich sollte sich eine Gesundheitskommissarin ja um Gesundheit kümmern. Vielleicht wollte sie aber auch mal ins Fernsehen. Langfristig gesehen wäre der Namensvorschlag kaum nutzbar. Wie sollten die nächsten Grippewellen genannt werden? "Ganz neue Grippe", "Ganz ganz neue Grippe", "Aktuellste ganz ganz neue Grippe" ...?

    Motive für eine bessere Schweine-PR gibt es viele. Die ARD bringt es auf den Punkt "Kein Schwein hat die Grippe". Ich ergänze mal: Zumindest nicht die Schweinegrippe. Die in dem Zusammenhang mit der Kompetenz-Kompetenz (in Anlehnung an Edmund Stoiber) versehenen Institute Friedrich-Löffler und Robert-Koch bestätigen, "die Bezeichnung ist irreführend". "Amerikanische Grippe", "Nord-Amerikanische Grippe", "Mexikanische Grippe" und "Gloria-Grippe" (nach der mexikanischen Kleinstadt La Gloria, die verdächtigt wird, Ausbruchsort zu sein) sind herkunftsbezogene Namensvorschläge. Hallo, wer denkt an deren Images?

    Für die Weltpolitik könnte die Schweinegrippe hingegen ein Segen sein. Seit langer Zeit scheint es nun einen ersten gemeinsamen Standpunkt von Juden und Muslime zu geben: das israelische Gesundheitsministerium protestierte "Schweinegrippe ist eine Beleidigung für Juden und Muslime". Der Schweine-Verzehr ist in beiden Religionen verboten. Alles Gute ist jedoch nie zusammen. Inzwischen hat sich Mexikos Botschafter in Israel, Frederico Salas, beim israelischen Außenminister Litzmann beschwert, dass der israelische Namensvorschlag ("Mexican flu") "störend und Besorgnis erregend sei".

    Ist der Name der Grippe wirklich so wichtig? Spiegel betitelt die aktuelle Diskussion mit "Der merkwürdige Streit um den Seuchen-Namen".

    Mit Sicherheit ist es das wichtigste, den Betroffenen zu helfen und eine weitere Verbreitung von A/H1N1 zu vermeiden. Und auch die medialen Untergangsszenarien könnten wieder eingepackt werden. Die Nachrichtensender wissen schon nicht mehr, wie Rot sie ihre "Nachrichten-Ticker-Laufbänder" ob der einschlagenden Eilmeldungen "Ein bestätigter Fall in Deutschland", "Zwei bestätigte Fälle in Deutschland", "Drei bestätigte Fälle in Deutschland" etc. noch einfärben sollen (man stelle sich vor, wir haben mal 5.000 Fälle...).

    Die Namensfrage ist jedoch nicht ohne Bedeutung. Wie würde der Deutsche Tourismusverband reagieren, wenn der Vorschlag eine weltbewegende Krankheit "Deutschland-Grippe" oder "Munich flu" zu nennen, gemacht würde? Wie groß wäre das ausbrechende Gezeter und Gejammer bei den (vielleicht gleichen) Kommentatoren über die Unmengen an Geld für die dann eventuell notwendigen Image-Kampagnen. Auch religiös begründete Namenssorgen sollten nicht allzuleicht weggewischt werden. Auch wenn man manche Dinge nicht nachvollziehen kann, sollte man versuchen, Respekt zu zeigen. Jedenfalls solange, wie dadurch nicht andere Menschen angegriffen werden. Und die ganzen Seminare "Interkulturelle Kommunikation" müssen doch für irgendetwas gut gewesen sein, oder?  

    Quellen: ARD, 28.04. - Spiegel, 28.04. - Süddeutsche, 28.04. - ISN, 29.04. - israel.jpost.com, 28.04.

    Hier übrigens noch ein Video von Miss Piggy aus besseren Zeiten. Den Songtext sollte man allerdings nicht als Therapievorschlag verstehen.

  • "BERLIN, ICH BRAUCHE FREIHEIT!"

    Pro-Reli vs. Pro-Ethik. Eine Entscheidung über die Freiheit...

    Zum ersten Mal in diesem Jahr rückten Berliner Plakatbauer in Scharen aus. Initiativen und Parteien senden entsprechend plakative Botschaften. Diskussionen über verursachte Kosten und taktische Abstimmungstermine sind nun irrelevant.

    Um was geht es? An den allgemeinbildenden Schulen Berlins gibt es ab Klasse 7 das verbindliche Fach Ethik. In dem werden gemeinsame Werte, die in unserer Gesellschaft gelten sollen, gelehrt. Gläubige verschiedenster Couleur, Agnostiker, Atheisten etc. diskutieren im moderierten Dialog alltägliche Herausforderungen aber auch nicht alltägliche Fragestellungen. Religiöse Schülerinnen und Schüler können darüber hinaus freiwillig am Religionsunterricht teilnehmen. "Der Auftrag des Religionsunterrichts ist es, einen Glauben bekenntnisorientiert zu vermitteln. Und zwar einen einzigen." So ist das in Berlin übrigens bereits seit 60 Jahren geregelt und hat - entgegen mancher Behauptungen - nichts mit der aktuellen Regierungskoalition in Berlin zu tun.

    Die Initiatoren der Bürgerinitiative Pro-Reli möchten dies ändern. Zukünftig sollen sich Schülerinnen und Schüler zwischen dem Fach Ethik und ihrem Religionsunterricht entscheiden. Begründet wird dies u.A. damit, dass es in fast allen anderen Bundesländern ähnlich geregelt ist und der freiwillige Religionsunterricht derzeit so weit in die Randbereiche gedrängt wird, dass er für viele unattraktiv ist. Langfristig betrachtet sind die Teilnehmerzahlen zwar stabil, seit Einführung des Ethik-Unterrichts gingen sie jedoch leicht zurück.

    Es ist schlicht unmöglich, die bisherige Debatte mit allen Pros und Contras an dieser Stelle wiederzugeben. Ein mediales Gemetzel ist in Gang gekommen und auch nach dem Abstimmungstermin ist ein Waffenstillstand nicht zu erwarten. Die politische Konstellation in Berlin befeuert die Fraktionen Pro-Reli und Pro-Ethik obendrein. Ein Stellvertreterkampf zwischen der Regierungskoalition und den Oppositionsparteien auf dem Schlachtfeld der Bürgerinitiative. Auch bekannt-berüchtigte Presseorgane wie BILD spielen mit (lesenswert auf BILDblog.de)

    Warum nun das Thema auf kommunikat.blog.de? Weil ich denke, das es die Initiative Pro Reli mit kommunikativen Mitteln geschickt gelungen ist, ihr Ansinnen mit dem Freiheitsbegriff zu verbinden. Eine kleine Auswahl genutzter Slogans, Claims und Texte: Freiheit statt Zwang, Freie Wahl zwischen Ethik und Religion, Es geht um die Freiheit. Im Kampagnen-Song Freie Wahl schallt es einem entgegen Wahlfreiheit wird verboten, von Leuten die sie hatten und als Krönung Berlin, ich brauche Freiheit, die Freiheit in der Denke.

    Kampagnensong Pro-Reli "Freie Wahl" anhören:

    Aber im Ergebnis geht es nicht um (mehr) Freiheit. Wenn Pro-Reli erfolgreich wäre, müssten sich Schülerinnen und Schüler zwischen Ethik und Religionsunterricht entscheiden. Beide Fächer zu belegen wäre nicht mehr möglich. Der gegenwärtige Zustand gibt ihnen diese Möglichkeit. Sie können beide Fächer besuchen, Ethik und wenn gewünscht zusätzlich Religion.

    Ein geschicktes Wording hat dazu beigetragen, den Sachverhalt verzerrt zu kommunizieren.

    Ob am 26.04. das Quorum von 611.422 erreicht wird bleibt abzuwarten. Auch wenn alle 307.000 Unterstützerinnen und Unterstützer des Volksbegehrens wieder mit Ja stimmen würden, wäre damit gerade einmal die Hälfte des notwendigen Ergebnisses erreicht. 

    btw: Und Berliner Atheisten? Die kamen in den Diskussionen meist gar nicht vor. Nachdem die (in Besitz der öffentlichen Hand befindliche) BVG bereits die säkulare Buskampagne abgelehnt hat, war auch in einer Diskussionsrunde des öffentlich-rechtlichen rbb kein Atheist geladen. Und so blieb unwidersprochen, was Widerspruch verdient gehabt hätte.

    Der Superintendent der evangelischen Kirche in Teltow-Zehlendorf, Harald Sommer, sagte am 22.04. in der rbb-Sendung klipp & klar unter Anderem: "Wenn sie von Religion keine Ahnung haben [...] dann können sie die Musik nicht verstehen, sie können die Literatur nicht verstehen, sie können nicht in die Galerie gehen und alte Meister angucken ...".

    Aha Herr Sommer, wozu atme ich eigentlich noch?

    Quellen: Statistikamt Berlin-Brandenburg - Pro Reli - Bündnis Pro Ethik - Interview Goethe-Institut - rbb klipp & klar, 22.04.2009

  • Das Sauerland (ist) entsetzt!

    Sehen sie vor ihrer Tür in letzter Zeit vermehrt PKW mit den polizeilichen Kennzeichen HSK, MK, OE, SO oder KB?
    Obacht sag ich nur! Obacht! Es könnte sich nämlich um Bewohner der Region Sauerland handeln...

    Was weiß man schon vom unscheinbaren Sauerland? Es "ist eine deutsche Mittelgebirgsregion im Südosten von Nordrhein-Westfalen. Kleine Ausläufer des Hochsauerlandes reichen bis in einen nordwestlichen Zipfel von Hessen um Willingen. Die eher dünn besiedelte Gegend weist verhältnismäßig viele Waldgebiete auf." Aha, dünn besiedelt und viele Waldgebiete. Hört sich harmlos an, ist aber alles nur Augenwischerei. Dort, wo es Potthucke zum Mittag gibt, na was soll dort schon schlimmes passieren, fragt man sich ungläubig.

    Aaaber: Bereits im Spätmittelalter nahm das Unheil seinen Lauf. 1266 wurde das Sauerland das erste Mal urkundlich erwähnt. Nur ein Jahr später rief der König von Frankreich Ludwig IX. zu einem Kreuzzug auf. Er war davon überzeugt, dass für einen nachhaltigen Sieg über die Muslime zunächst deren Kernland Ägypten erobert werden müsse. Und genau das ist der Beweis, der springende Punkt sozusagen!

    Heute ist das Sauerland daher - zurecht - ein Synonym für den islamistischen Terrorismus in Deutschland. Von dort stammt der gemeine Sauerland-Terrorist (auch: Sauerland-Bomber, Organisationsform: Sauerland-Zelle). Seit dem 22.04. wird Dreien von ihnen der Sauerland-Prozess gemacht. Das wurde jetzt aber auch Zeit: Schon im September 2007 enthüllte die Welt Der Terror wohnt im Sauerland (das müsste doch mal jemand den amerikanischen Heimatschützern sagen, die suchen Osama immer noch in Pakistan...). Spiegel-Online titelte kurz Showdown im Sauerland.

    Aber jetzt kommt dank des Prozesses alles in Ordnung. "Alle Sauerländer in den Knast und am besten eine Mauer drum!" kann ich da nur ausrufen.

    Wachsam sollten wir trotzdem bleiben, schließlich liegt der Prozessort Düsseldorf nur wenige Kilometer vom Sauerland entfernt.

    Wen es interessiert: Potthucke ist ein Kartoffelgericht aus dem Sauerland ("das was im Topf hockt"): "Der im Ofen gebackene Teig aus geriebenen Kartoffeln galt früher als Arme-Leute-Essen. In den vergangenen Jahren findet man es immer häufiger, leicht veredelt, in Sauerländer Spezialitätenrestaurants."

    Die arbeiten halt mit allen Tricks, diese Sauerländer...

    Quellen: Wikipedia-Portal Sauerland - Wikipedia-Portal Mittelalter - Welt, 06.09.2007 - Spiegel-Online, Jahreschronik 2007, September - BILD, 22.04.2009

  • Zack! ..... Da war es wieder.

    Jedes Mal zucke ich aufs Neue zusammen!

    Es sei ja nur schlecht kommuniziert, was die CDU für die in Deutschland lebenden Türken alles unternimmt. Inhaltliche Gründe sieht man in der Parteizentrale nicht, wenn nur 10% der Deutsch-Türken die CDU/CSU bei der nächsten Bundestagswahl wählen möchten.

    Nee, ist schon klar. Ihr habt Euch nur nicht richtig ausgedrückt - sonst ist alles Okay!

    Ähnlich ging es mir schon bei Ypsilantis Wahlversprechen-Kehrtwende. Alles habe sie richtig gemacht, nur die Entwicklung nach der Wahl - die wurde schlecht kommuniziert. Rettung nahte dann in Form von TSG. In einem seiner ersten Interviews mutmaßte er siegessicher über sich selbst: "Ich habe eine andere Art zu kommunizieren, ich habe eine andere Art zu reden." Gut, er sprach nur davon, anders zu kommunizieren. Mag sogar sein, dass er es wirklich tat. Einfluss auf das heute bekannte Wahlergebnis hatte es nicht.

    In Sachen schlechter Kommunikation hat die SPD sozusagen Tradition. Peer Steinbrück riet Kurt Beck im März 2008, als dieser noch selbst auf dem Weg ins Kanzleramt herumstolperte und sich im Fallen der Links-Partei zuwandte: "Unbenommen dessen muss eine solche Entwicklung intern besser kommuniziert und vorbereitet werden." Beck wollte bei den Sozis aber nicht allein als schlechter Kommunikator dastehen und stellte im Rahmen seiner Ursachenforschung zur beklagenswerten Situation der SPD fest, dass die ganze "Agenda 2010, (...) schlecht kommuniziert wurde". Man stelle sich das vor - schlechte Kommunikation vom Medienkanzler a.D. himself?! Im September 2008 warnte Steinbrück dann seine komplette Partei prophylaktisch vor kommunikativer Inkontinenz.  Nun ja.

    Um sprachlich gleich im Bild zu bleiben: Bei Kurt Beck ging es kurze Zeit später doch wieder in die Hose. Im März diesen Jahres erklärte Beck auf einer öffentlichen Schüler-Diskussion über ein neues SPD-Schulkonzept, dass dieses "von Lehrern gegenüber ihren Schülern offensichtlich nicht richtig kommuniziert wird". Die Pennäler mochten das neue Konzept "Realschule plus" einfach nicht. Durch Becks wenig differenzierte Feststellung, wurde daraufhin nur noch wenig über Inhalte diskutiert.

    Aber es trifft nicht nur die SPD. Die stellvertretende Bundesvorsitzende der FDP, Cornelia Pieper, begründete 2003 den hohen Männeranteil unter den Liberalen so: "Unsere Frauenpolitik wurde bislang einfach schlecht kommuniziert." Na dann. Pieper ließ sich bei ihrer Feststellung gern beim Kleben eines Plakats von der Presse fotografieren. Hauptmotiv war eine junge Mutter mit Bügeleisen und Laptop. Der Erfolg ihrer "besseren" Kommunikation blieb jedoch aus. Der Frauenanteil liegt aktuell genauso niedrig wie im Jahr 2003: nämlich bei 23%. Lag es daran, dass ein Plakat je Stadt - so erfolgte die "plakative Umsetzung" - keine neue kommunikative Qualität bedeutete? Ich denke nicht.

    Der Beispiele gäbe es noch viele. Man könnte Lafontaine hinzuziehen oder auch Seehofer. The same procedure as every time.

    Der inflationäre und unreflektierte Gebrauch von schlecht kommuniziert lenkt in allzu vielen Fällen nur vom eigentlichen Thema ab! Schlecht kommuniziert ist eine verbale Nebelbombe, die die Sicht auf des Pudels Kern verwehrt und uns mit der Seichtheit einer Floskel einlullt. Diskussion und Analyse werden ausgeschlossen.

    Sicher, es gibt gute und schlechte, wahlweise auch gut und schlecht gemachte, Kommunikation. Man kann beispielsweise Vorhaben, die möglicherweise eine Belastung für die kommunikativen Adressaten darstellen, durch professionelle Informationsvermittlung verständlicher machen und die Akzeptanz von Entscheidungen, Absichten oder Entwicklungen erhöhen. Insofern hat die Phrase schlecht kommuniziert durchaus seine Berechtigung.

    Aber ich wünschte mir für die Zukunft: Vielleicht erst einmal überlegen, ob es wirklich an der Kommunikation lag oder eventuell inhaltliche Gründe vorlagen. Das wäre auch im Sinne des beabsichtigten Anliegens.  

    Bild: Copyright by Lukedecena

    Quellen: Welt, 17.03.2009 - Data4U GmbH, 16.03.2009 - Welt, 13.11.2008 - FAZ, 01.03.2008 - Stern, 07.07.2008 - Jutta Steinruck, 23.03.2009 - Stern, 04.07.2003

  • Was denn nun?

    "VORWEG GEHEN" oder "FINGERWEG"?

     Ich armer leidgeplagter Rezipient. Nun weiß ich gar nicht mehr, was richtig ist! Erst erklärt mir RWE mit ihrer (von Jung von Matt kreierten) ProKlima-Kampagne, dass das RWE-Angebot das Allerbeste in Sachen Klimaschutz ist. Alles war klar!

    Tja, wären da nicht - ja, wären da nicht die Kommunikationsprofis von Jung von Matt!

    Als nämlich die Umweltorganisation "urgewalt" das Kampagnenmotiv - ich sage es mal wertfrei - adaptierten, sah sich die Agentur gezwungen, rechtlich gegen die Umweltorganisation vorzugehen.

    Absolut und völlig und überhaupt total überraschenderweise hat die Umweltorganisation dieses Vorgehen zum Anlass genommen, den "Drohbrief der RWE-Agentur" (Zitat) zu veröffentlichen und ihrer Kampagne somit neuen Schwung zu verleihen. Mittlerweile findet Google für die Kombination 'RWE JvM urgewald' 232 Treffer (06.04.2009) [Updates 12.04.: 431 Treffer 23.04.: 601 Treffer 20.08.: 294 Treffer, das Thema verschwindet langsam...]. Es scheint sich eine Daily Soap zu entwickeln: Auch der Antwortbrief des Rechtsanwaltes der Umweltorganisation wurde veröffentlicht. Ultimative Fristen wurden gesetzt und weitreichende Drohungen ausgetauscht. Die Klickraten dürften urgewalt in den nächsten Tagen sicher Freude bereiten.

    Die Umweltschützer haben sich bereits auf neuen Interessenten eingestellt. Unter Links mit den Namen "Die Drohung" und "Was Du tun kannst" wird deren Community größer. Kämpferische Unterstützungsbanner ("Diese Satire will die RWE-Agentur verbieten") werden den Usern gleich mitgeliefert.

    Um die Kommunikationsprofis der Agentur Jung von Matt nicht zu sehr zu kritisieren: Ich glaube sie wurden von RWE vorgeschickt. Die Wünsche eines Großkunden wollen eben erfüllt sein. Vielleicht kann man sich sogar darüber streiten, ob letztendlich eine Urheberrechtsverletzung vorliegt oder nicht. Clever war die Strategie nicht - wahrscheinlich waren die RWE-Entscheider ziemlich beratungsresistent. Die Häme der wahren und selbsternannten Kommunikationsprofis trifft die JvM-Mitarbeiter zu unrecht.

    Quellen: RWE, Pressemeldung - Urgewald - Initiative ausgestrahlt - Jung von Matt

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